Es gibt in der Deutschen Sprache kaum einen anderen Begriff, der so häufig und so unterschiedlich definiert und debattiert wird, wie das Wort „Kunst“. Eine Einigung der vielfältigen Meinungen ist nicht absehbar, vielleicht sogar völlig unmöglich.

Kunst ist eine Weltanschauung

Manche Phänomene lassen sich nicht in wenige Buchstaben pressen, sie bleiben immer ungenau, subjektiv und je nach Kultur, Situation oder persönlichen Neigungen ganz anders besetzt.

Daher ist Kunst in meinem Verständnis vollkommen unabhängig davon, was, wer, wie produziert, darstellt, schreibt oder entwirft.

Kunst ist eine Weltanschauung, eine Haltung zum Leben und zu Tätigkeiten, es ist die tiefe Sehnsucht nach Neuem, nach Sinn, nach Ausdruck und Selbstverwirklichung; es ist der Entdecker, der Forscher, der Abenteurer, der in jedem Menschen innewohnt.

Künstler leben vielleicht anders, als die meisten ihrer Zeitgenossen, was aber vielleicht viel wesentlicher ist, dass sie die Welt mit anderen Augen, bzw. aus einer anderen Perspektive betrachten und erleben.

Arbeit oder Beruf(ung)?

Arbeit klingt irgendwie schwer, es ist ein Opfer, was jeder erbringen muss, um seine Existenz zu sichern. Es ist ein zumeist ungerechter Tausch von körperlichen oder geistigen Kapazitäten gegen Geld, wobei der Arbeitnehmer deutlich benachteiligt wird.

So zumindest war es zu Beginn der Industrialisierung. Leider hat sich (zumindest in der Umgangssprache) an der Bedeutung des Wortes „Arbeit“ , bis heute wenig geändert. Arbeit hat auch heute noch wenig mit Spaß, Freude und Selbstverwirklichung zu tun, es ist ein notwendiges Übel, das jeder zu erledigen hat, um dann in der Freizeit all das nachzuholen, was ihm in der Arbeitszeit gefehlt hat.

Die völlig abstruse Trennung von „Arbeit“ und „Freizeit“ mag vielleicht vor 200 Jahren gestimmt haben und hat zu den katastrophalen Arbeitsbedingungen einer großen Anzahl von Menschen gepasst. Im 21. Jahrhundert erledigen Maschinen und Software sowohl die schweren als auch die stupiden Arbeiten und schaffen für den Menschen einen Freiraum, den er durch sinnvolle und sinnstiftende Tätigkeiten füllen kann, bei gleichzeitiger Sicherung seiner Existenz. Freude und Beruf sind schon längst kein Widerspruch mehr und die Verbindung kein Privileg für wenige Auserwählte wie z. B. Künstler allerlei Couleurs. Arbeit kann man also auch vollkommen anders definieren und somit für das 21. Jahrhundert kompatibel machen z. B.:

„Die Arbeit als sozialwissenschaftlich-philosophische Kategorie erfasst alle Prozesse der bewussten schöpferischen Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur und der Gesellschaft. Sinngeber dieser Prozesse sind die aus freiem Wille selbstbestimmt und eigenverantwortlich handelnden Menschen mit ihren individuellen Bedürfnissen, Fähigkeiten und Anschauungen im Rahmen der aktuellen Naturgegebenheiten und gesellschaftlichen Arbeitsbedingungen.“ (aus Wikipedia)

Das ganze Selbst

In den vergangenen Jahren wurde sehr viel über Work-Life Balance geredet, immerhin ein netter “Versöhnungsversuch”. Allerdings fällt auch hier noch die klare Trennung von „Arbeit“ und „Leben“ sofort ins Auge, denn ein kleiner Bindestrich kann zwei so mächtige Entitäten auf Dauer sicherlich nicht zusammen halten. Der arbeitende Mensch ist hier um Gleichgewicht zwischen zwei Extremen bemüht, er vollführt ein Spagat zwischen zwei weit voneinander entfernten Lebenswelten in denen er völlig unterschiedlich agieren muss und wenn er nicht aufpasst, kommt es unvermeidlich zum Absturz.

Natürlich spielen wir alle ständig irgendwelche Rollen; wer verhält sich schon im Büro genauso wie am Strand von Mallorca. Jeder hat viele, teilweise sehr unterschiedliche Figuren im individuellen Repertoire, die mehr oder weniger permanent zur Verfügung stehen. Sie sind jedoch nicht trennbar, sie alle gehören zusammen zu einem Selbst, das sozusagen die Zügel in der Hand hält.

Ideal wäre also ein Mensch, der seine Rollen zu einem Ganzen verbindet, der nicht entweder als “Büro-Ich” oder “Freizeit-Ich” agiert, Arbeits- und Freizeit nicht trennt, sondern beides in einem großen UND vereint, denn Arbeitszeit ist auch Lebenszeit und somit die kostbarste Ressource, die ein Mensch haben kann. Hohe Lebensqualität bei gleichzeitig erwirtschaftetem ökonomischen Erfolg schließen sich nicht aus und sind erstrebenswerte Ziele, die sich durchaus in jedem Leben realisieren lassen.

Geld oder Geld?

Arbeitsleistung im Tausch gegen monetäre Entlohnung ist ebenfalls ein Modell aus der frühen Industrialisierung; Arbeiter haben ihre Körperkraft für Geld zur Verfügung gestellt und bekamen dafür als Entlohnung gerade so viel, dass sie und ihre Familien nicht verhungerten. Geld hat für uns heute einen ganz anderen Wert, denn das, was die meisten erwirtschaften, ist weit mehr, als lediglich ein karger Hungerlohn. Mit dem Überschuss finanzieren wir unsere Freizeitaktivitäten und belohnen uns mit materiellen Werten. Konsum ist eine Art Entschädigung für Stress, für Unbehagen, der gesunde Menschenverstand wird mitsamt seinen sozialen und ökologischen Schuldgefühlen kurzzeitig ausgeschaltet. Aber eben nur kurzzeitig.

Wie flüchtig diese Art von Belohnung sein kann, kennt wohl jeder, denn sofort nach der Bedürfnisbefriedigung drängelt sich der nächste Mangel auf, der dringend behoben werden möchte. Wir holen uns mit Geld das, was wir eigentlich auch kostenlos bekommen könnten, denn die Natur hat uns mit einem phantastischen körpereigenem Belohnungssystem ausgestattet. Die großen und kleinen Glücksmomente werden in der Regel nicht durch den Kauf und Besitz von Irgendwas ausgelöst und sie befallen einen nie an der Supermarktkasse. Csikszentmihalyi hat den wunderbaren begriff „Flow“ geprägt; es ist das Gefühl von Sinn und Ganzheit, das sich während einer Tätigkeit, die sowohl nicht unter- als auch überfordert, einstellen kann.

Diese Belohnung ist das, wonach Künstler „jagen“; es ist nicht käuflich, kaum korrumpierbar und vor allem macht es auf einer äußerst produktiven Art „süchtig“. Aber es gibt noch eine große Palette an weiteren Belohnungen, die sich jeder abholen kann, allerdings haben sie alle einen großen Nachteil; sie sind nicht messbar. Das Gefühl von Sinn und Ganzheit, von Anerkennung und Wertschätzung, von Wohlgefühl am Arbeitsplatz, emotionaler Sicherheit, Zukunftsperspektive, der Möglichkeit zu wachsen und sich zu entwickeln, kann man nicht in materielle Werte umrechnen, dabei wirken sie weit tiefer und nachhaltiger, als Geld es je tun könnte.

Der Weg ist das Ziel ist der Weg

Die Welt in der wir leben ändert sich zwar permanent, der Einzelne hat jedoch auf die großen Ereignisse kaum nennenswerten Einfluss. Was aber jeder und sogar sofort ändern kann, ist die innere Haltung zum Leben; jeder kann eine andere, als die gewohnte Perspektive einnehmen und so zu vollkommen neuen Erkenntnissen über das eigene Dasein und der Welt gelangen. Das ist der kürzeste und einfachste Weg zu mehr Glück und Zufriedenheit, denn dieser Weg ist nicht mit vielen Vorbehalten gepflastert und das Betreten ist an keinerlei Bedingungen geknüpft.

Es ist vielmehr eine Einladung in eine lebenswerte Zukunft.