Faltentragen

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Susanne Ackstaller hat dieses Interview mit mir für ihren Blog geführt und ich habe mich sehr über ihre Fragen gefreut, da sie sich NICHT um die Kunst gedreht haben, sondern schlicht und einfach um die Frau, die sich gerne hinter der Malerin versteckt.

Die Frau im Blaumann

Über mich…

Es gibt zwei Sorten Bilder von mir, die sich eigentlich völlig diametral gegenüber stehen. Die einen sind die großen, bunten, völlig aufgelösten, die irgendwie nie wirklich auf die Leinwand passen wollen, weil sie sich so unmässig und so überwältigend in vielen Schichten auf der weißen Fläche ausbreiten. Die anderen sind die Zeichnungen, fast filigran und bescheiden, ruhig und einladend, voller Muster und Ornamente.
Und so bin ich tatsächlich, so lebe ich, seit ich denken kann; auf der einen Seite wild und kaum zu bändigen, nach Freiheit brüllend, wie ein eingesperrter Löwe und auf der anderen Seite nach Struktur und Sicherheit suchend, hell und aufgeräumt. Zwischen diesen Extremen habe ich mir ein Leben eingerichtet, das auf den ersten Blick vielleicht ungewöhnlich scheint, wenn man aber genauer hinsieht, dann wird man feststellen, dass mein großartig scheinendes Abenteuer eigentlich prall gefüllt ist mit Banalitäten und mit all dem Glück und Leid, das jedem Leben die Würze verleiht.

Und nein, ich bin nicht ruhiger geworden mit den Jahren, nur die Unruhe hat immer konstruktivere Ergebnisse hervorgebracht und tut es noch. Ich will auch nicht stiller werden, solange ich atme, werde ich malen und so lange ich malen kann, will ich leben. Es gibt noch so viel zu sehen und zu erleben und es gibt noch so viele Bilder, die noch darauf warten gemalt zu werden – wie könnte ich da ruhiger werden?
Mit der Kunst verheiratet zu sein bedeutet tatsächlich, in guten und in schlechten Zeiten zueinander stehen, bis uns der Tod scheidet.
Mehr kann ich nicht schreiben, mehr gibt es nicht zu sagen. Oder vielleicht doch, aber um all das wirklich erzählen zu können bräuchte ich mindestens noch einmal 60 Jahre.

Wie würdest du deine Einstellung zu Mode bezeichnen oder beschreiben? Hat sie sich im Laufe deines Lebens verändert?

Ich bin 1952 in Budapest geboren, also eigentlich mitten hinein in das Elend der Nachkriegsjahre. Während Anfang der 50er Jahre in der BRD die Modeindustrie langsam wieder erblüht ist, gab es im sozialistischen Ungarn noch viele Jahre lang nicht sehr viel … na ja, eigentlich gar nichts in den Auslagen der Geschäfte. Aber ob hier oder dort, die Frauen hatten gerade nach den Elendsjahren eine große Sehnsucht, sich wieder schön zu machen.
Budapest galt vor dem Krieg allgemein als sehr elegante Stadt, sogar als „Paris des Ostens“ wurde mein Geburtsort von vielen bezeichnet. Von diesem Glanz war 1952 nichts mehr übrig – sozialistisches Einheitsgrau bedeckte das Land und seine Menschen.
Meine Eltern waren als ich auf die Welt kam, sehr jung und lebenshungrig, daher wurde ich schon in den ersten Jahren überwiegend von meinen Großeltern behütet. 1956 flüchteten meine Eltern sowieso in den Westen und von da an lebte ich bei meinen vier Großeltern.
Aber zurück zu Mode.
Ich kann mich immer noch, obwohl es schon so viele Jahre zurückliegt, an das nächtliche Geräusch erinnern, das mich durch meine Kindheit begleitet hat: das Surren einer mechanischen Nähmaschine, natürlich eine Singer, mit der meine Großmutter unglaubliche Wunderwerke genäht hat.
Aus allem, was noch irgendwie verwertbar war, wurde etwas gemacht, sie hat sogar aus Teppichen Handschuhe genäht, aus Vorhängen Cocktailkleider für meine Mutter und aus alter Bettwäsche wunderhübsche Sommerkleider für mich, mit Schleifchen und Borten und eingenähter Spitze aus alten Tischdecken. Als ich dann alt genug war, um Kleider zu tragen und meine Eltern ohnehin nicht mehr da waren, hat meine Oma ihre gesamte Nähkunst an mir ausprobiert. Ob mir das gefallen hat? Um ehrlich zu sein: ganz und gar nicht. Ewiges still stehen, wieder und wieder anprobieren, Pieksereien mit Stecknadeln und dazu meine Oma, bei der man ohnehin immer das Gefühl hatte, sie stünde kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Nein, das sind sicher nicht meine schönsten Kindheitserinnerungen.
Erst viele Jahre später habe ich begriffen, dass mir eben diese Oma völlig unbeabsichtigt die Türen zur Kreativität geöffnet hat. Leider kam die Erkenntnis erst nach ihrem Tod, so dass ich mich nicht mehr bedanken konnte. Aber wenn es einen Himmel für Schneiderinnen gibt, dann gibt es dort sicher eine kleine jiddische Dame, die entweder eine Kippe oder Stecknadeln im Mundwinkel hat, während sie die Englein bei der Anprobe mit Stecknadeln malträtiert; das ist dann meine Oma, der ich bis heute unendlich dankbar bin.
Die Modejahre meiner Jugendzeit, die ich im damaligen West-Berlin erlebt habe, waren geprägt von Protest und Widerstand gegen das „Establishment“. Mit 14 hat mich meine Mutter zu sich geholt, ich kam 1966 in einem dunkelblauen Faltenröckchen, weißer Bluse und weißen Kniestrümpfen mit einem Zug aus Budapest im wilden Berlin an. Im Gepäck hatte ich natürlich mein rotes Pionier-Tuch, meine Schulbücher und sonst kaum etwas. Die Liste der Gegenstände, die mein Großvater zu meiner Ausreise schreiben musste, habe ich noch. In seiner sauberen Lehrerschrift wird jede Socke, jeder Stift penibel aufgeführt. Offenbar hatten die sozialistischen Behörden Angst, ein 14jähriges Mädchen könnte Schätze in den Westen schmuggeln.
Also kam ich in Berlin an und es war, als käme ich von einem fremden Planeten. Auch aus dieser Zeit habe ich eine sehr bildhafte Erinnerung: Elegante Damen saßen im Kranzler am Ku-Damm und fast alle trugen diese seltsamen Puderpuschel in den wildesten Farben auf dem Kopf. Die Terrasse erinnerte von weitem an eine Schar Kolibris. Ich weiß nicht mehr, wie diese Hüte sich nannten, allerdings halte ich sie neben Leggings für eine der schrecklichsten Modesünden des 20. Jahrhunderts.

Welche Stilrichtung bevorzugst du? Wie hat sich dein Geschmack im Laufe deines Lebens verändert – und warum?

Es hat natürlich nicht lange gedauert und das Faltenröckchen musste Platz machen für Jeans und Jeans und noch mehr Jeans. Die Orientierungslosigkeit der 60er in der Geschlechterfrage war inzwischen auch bei mir angekommen, mit dem Ergebnis, dass ich alles mögliche sein wollte, nur keine Frau. Meine Haare hatte ich auf 5 mm geschoren, meinen Körper hinter Stoffen von plumpen Latzhosen versteckt, sich zu schminken galt in meinen Kreisen als reaktionär. Also habe ich meine gesamten Protest und Widerwillen gegen das Establishment, wie Millionen andere Jugendliche auch, durch die Verweigerung von modischen Extravaganzen ausgedrückt. Und da ich mich ohnehin hässlich und zu dick fand (Kleidergröße 34!), kam mir der Trend, sich der Mode zu verweigern, sehr entgegen. Das ging bis weit in die 70er so und wenn ich heute auf die Zeit zurückblicke, dann habe ich modisch tatsächlich nicht sehr viel verpasst.

Die ersten Kleider trug ich dann, als die ersten Hippies aus Poona zurückkamen und ihre aus Indien mitgebrachten Waren auf dem Ku-Damm an kleinen Ständen feilboten. Das war aber eigentlich ein Ausrutscher, denn Tüddelkram und Klingelglöckchen waren nie mein Fall. Ich ahnte natürlich noch nicht, dass der Höhepunkt meines Modelebens noch kommen sollte. Es wurde PUNK! Ja, das ist eigentlich die Mode, die mich bis heute begleitet, allerdings zerfetze ich heute keine teuren Pullover mehr, nur um stylisch genug zu sein. Es ist ja auch nicht nötig, denn die großartig unartige Vivienne Westwood hat den Punk als feste Stilrichtung in der Modewelt etabliert und somit unsterblich gemacht.
Erst durch sie ist in der Mode alles Unmögliche möglich geworden; je schräger die Kombinationen von Stilen, Stoffen, Mustern desto besser. Vivienne Westwood hat aus der Mode das gemacht, was sie eigentlich schon immer sein sollte: ein Spiel, das dem lustvollem Verkleiden von Kindern in keinster Weise nachsteht. Mode ist die tägliche Inszenierung, sie ist das Experiment mit vielen Versuchen, noch mehr Irrtümern. Keine andere Form der Selbstdarstellung bringt den aktuellen Zeitgeist deutlicher zu Tage als Mode und daher ist sie in meinen Augen eine Form der Kunst. Und ja, da Mode alle Menschen umfasst und beschäftigt, ist sie vielleicht sogar die wichtigste Kunst, die Menschen überhaupt kreieren können.

Hattest du modische Vorbilder? Personen oder Persönlichkeiten, die deinen Stil geprägt haben – oder eine modische Ära?

Da ich Mode als Kunstform betrachte, sehe ich in Designern auch Künstler. Und mir ist schon sehr häufig aufgefallen, dass viele Designer mit ihrer Kunst so ähnlich umgehen, wie ich mit meiner. Sie tragen sie selbst ebenso wenig, wie ich meine Bilder um mich herum haben möchte. Ein Gaultier in Jeans und in einem gestreiften Hemd würde morgens um 8 Uhr in der Pariser Metro nicht auffallen, wie ein Yves Saint Laurent früher in einem schlichten grauen Anzug. Natürlich gibt es auch andere wie Lagerfeld, Donatella Versace etc. die sich selbst zu einer Marke kreiert haben, aber das ist vermutlich nur das Verstecken einer hochsensiblen Seele, hinter einer scheinbar unüberwindbaren Maske.
Ich kleide mich sehr gerne schlicht und edel, das heißt mit einigen schwarzen Kleidungsstücken, bin ich für etliche Jahre bestens angezogen. Und schwarz hat den Vorteil, dass ich nie vor der Frage stehe, was ich anziehen soll. Natürlich gehe ich nicht im Winter in einem schwarzen Seidenkleid auf die Straße und ebenso wenig werde ich im Sommer einen schweren Kaschmirmantel tragen. Das ist aber auch schon alles an Entscheidungen, die ich bereit bin zu fällen, wenn ich meinen Kleiderschrank öffne.
Hast oder hattest du ein Lieblingskleidungsstück? Wenn ja, welches? Und warum?
Ich schrieb vorhin schon über meine Jugendjahre, die ich überwiegend in plumpen Latzhosen zugebracht habe und nun kommt mein großes Geständnis: Ich trage sie immer noch!
90% meines Lebens verbringe ich mit der Malerei und da ich nun nicht zu jenen gehöre, die brav mit Aquarellfarben winzige Blumenbilder pinseln, ist für mich meine Arbeitskleidung am wichtigsten. Im Kleiderschrank hängt eine kleine Menge an Straßenkleidung und direkt daneben stapeln sich die Latzhosen, Blaumänner und Arbeitshosen von der Bundeswehr. Ebenso groß ist meine Auswahl an T-Shirts, ich besitze sogar Arbeitsunterwäsche, sowohl für den Sommer als auch für den Winter. Das bin ich, so fühle ich mich sicher und geborgen in einem sonst wenig kalkulierbarem Leben. Und wenn ich mal ausnahmsweise Kleidung ohne Farbflecken anziehe, dann werde ich garantiert dafür sorgen, dass das teuerste Kostüm am schnellsten mit Farbe in Berührung kommt.

Wie hat sich deine Einstellung zu Schönheit und Aussehen in den letzten Jahren verändert? Inwieweit hat das Älterwerden damit zu tun?

Ich glaube, meine Vorstellung von Schönheit ist in erster Linie dadurch geprägt, dass ich von meinen Großeltern aufgezogen wurde. Alte Gesichter, Falten und weiße Haare verbinde ich mit Geborgenheit und Glück. Vor etwa drei Jahren habe ich aufgehört meine Haare zu färben und freue mich über die schneeweiße Pracht auf meinem Kopf.
Vor zwei Jahren hatte ich einige ganz wunderbare Veranstaltungen für L’Oreal: zuerst für Lancôme, dann für Yves Saint Laurent. Als die Damen von Lancôme das erste mal bei mir anriefen, dachte ich, sie hätten sich verwählt, denn es ging um eine Kampagne für Genifique unter dem Motto „Jugendlichkeit“.
Aber ich hatte mich nicht verhört und sie wollten tatsächlich mit mir sprechen. Sogar auch dann noch, als ich ihnen noch einmal mit Nachdruck mitgeteilt habe, dass ich bekennende Faltenträgerin bin und das einzige kosmetische Produkt, das ich verwende, ein roter Lippenstift ist. Um ehrlich zu sein, war ich nicht nur irritiert, sondern hatte sogar eine recht große Angst vor der ersten Begegnung. Würde ich mich bis auf die Knochen blamieren, wenn sie sehen, dass ich einfach eine alte Oma bin, die mindestens genauso alt aussieht, wie sie ist?

Nichts dergleichen geschah, ganz im Gegenteil! Die Zusammenarbeit mit L’Oreal war eines meiner schönsten Projekte! Es scheint sich etwas geändert zu haben: Alt oder jung wird nicht mehr durch die Anzahl der gelebten Jahre definiert, sondern durch die Grundhaltung zum Leben an sich. Und solange jemand noch etwas vor sich hat, sich Perspektiven schafft, neugierig ist und sich auf morgen freut, anstatt sich in Selbstmitleid ob der verlorenen Jugend suhlt, solange ist jeder „jung“, egal was in seinem Pass oder in seinem Gesicht geschrieben steht.

Bist du eher der Wasser-und-Seife-Typ oder glaubst du an die Möglichkeiten moderner Produkte?

Davon mal ganz abgesehen, dass ich grundsätzlich keine Werbeversprechen ernst nehmen kann: Ja, ich glaube, dass moderne Produkte wirkungsvoller sind, als „nur“ Wasser und Seife. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob tatsächlich das Produkt selbst so wohltuend ist, oder ob es nicht doch mehr die Geste ist, die dahinter steckt. Es fängt schon damit an, dass gute Beauty-Produkte sehr teuer sind und um sie zu kaufen, muss frau doch einiges investieren.
Ist das nicht schon die erste Liebeserklärung an sich selbst?
Ich bin es mir wert den horrenden Betrag XY für ein winziges Behältnis, in dem sich eine geheimnisvolle fettartige Masse befindet, auszugeben? Und das reicht natürlich nicht, denn damit sich die Wirkung der Produkte entfalten kann, brauche ich die ganze Serie … Und das Ritual erst! Sich mit Wasser und Seife zu reinigen nimmt wenige Minuten in Anspruch, die komplette Pflegeorgie hingegen kann sich unter Umständen über mehrere Stunden hinziehen. Stunden, während derer frau sich ausschließlich dem eigenen Wohlbefinden widmet, sich mit jeder Geste würdigt, streichelt und gern hat. Es ist doch nur selbstverständlich, dass frau danach blendend aussieht und sich unglaublich wohl fühlt, oder?

Du bist auf Reisen und hast deine Waschbeutel vergessen. Welche drei (Kosmetik-)Produkte kaufst du sofort?

Zahnbürste, Zahnpasta und einen knallroten Lippenstift.
Die Marke verrate ich nicht, nur soviel – ich habe zwei Favoriten und beide Designer / Häuser haben mindestens eine Revolution in der Mode für Frauen initiiert.

Hast du ein Schönheitsgeheimnis? Wenn ja, welches?

Ich glaube nicht, dass das ein Geheimnis ist, weil eigentlich ist es sehr einfach. Ich mag mich, und das ist eigentlich alles. Je älter ich werde, desto weniger Bedeutung haben irgendwelche Schönheitsideale, und ich betrachte es so ähnlich, wie ich auch Kunst sehe. Es geht nicht um Schönheit, es geht ausschließlich um Ästhetik.

Schönheitsbegriffe ändern sich permanent, bei Ästhetik kann man vielleicht sogar von einem universellem Wert sprechen, der uns alle miteinander verbindet.

Gibt es ein Mantra, das dich durch dein Leben begleitet?

Ja und es hat sich immer wieder im Laufe meiner bisher 60 Lebensjahre bestätigt:

Alles wird immer besser!

Dieses und viele andere Interviews mit Frauen können Sie im Blog von Texteralla lesen.

 

Von | 2015-02-28T13:47:52+00:00 September 27th, 2013|LebensKunst|0 Kommentare

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